Liebe Ingrid! Betreff: Der Führer
Liebe Ingrid!
Seit zwei Wochen habe ich mir vorgenommen dir diesen Brief zu schreiben, heute komme ich endlich dazu. Auslöser war, die von dir im Vogelhaus gestellte Frage, ob man @Der_Fuehrer folgen dürfe. Der tatsächliche Drang etwas zu schreiben kam bei mir dann nach deinem Blog-Eintrag vom 11. Dezember.
Die Verbrechen, die vor 60-70 Jahren in ganz Europa passiert sind sind zweifelsohne furchtbar. Die Ideologie dieser Zeit ist zu verurteilen und heutzutage keinesfalls zu tolerieren, aber: Das ist Vergangenheit.
Insbesondere in Deutschland und Österreich wurde einiges zur Vergangenheitsbewältigung getan (auch wenn das, wie @Der_Fuehrer zeigt noch nicht abgeschlossen ist) und gerade wir, die erste Generation, die mit dieser Zeit wirklich nichts mehr zu tun hat (gut ich gebe zu, meine Eltern sind rund 50, die haben dass auch nicht mehr erlebt, dieser Punkt ist daher diskutabel, ändert aber nichts an meiner Aussage), sollte einen neuen Zugang dazu finden. Satire ist dazu, meiner Meinung nach, ein absolut legitimes Mittel, selbst wenn dabei manchmal, die rein subjektiven Grenzen zur Geschmacklosigkeit überschritten werden. Ein neuer Zugang bedeutet Grenzen zu überschreiten. Genau das tut @Der_Fuehrer und deshalb finde ich es gut.
Er schreibt in einer absurd-witzigen Sprache und entlarvt damit schon die Absurdität des Nationalsozialismus und seines Führers. Die Nachrichten verpacken aktuelle Gesellschaftskritik in eine Form in der wir sie verarbeiten können und ermöglicht uns obendrein, durch das “Nazibrülldeutsch” auch die Vergangenheit nicht zu vergessen. Ein gutes Beispiel dafür:
Barack Obama erhält dän Friedänsnobelpreis? Ich habe mich doch auch för Völkervärständigong eingesetzt. Meine Besoche im Osten beweisen das!
Aus der Vergangenheit und aus Fehlern zu lernen, ist wohl eine der höchsten Tugenden, weshalb ich deiner (zwar polemischen, aber recht pointierten) Aussage:
Ich habe [...] aus der Geschichte gelernt: Im Zweifelsfall lieber nicht dem Führer folgen.
absolut etwas abgewinnen kann. Was jeder einzelne daraus lernt sei ihm aber überlassen. Das kann leider und darf Gott sei Dank niemand bestimmen.
Wir alle haben diese Zeit noch nicht gänzlich verarbeitet. Vielleicht werden wir das auch nie können. Wichtig ist es, meiner Meinung nach, nur neue Zugänge zu finden und das Überschreiten von Grenzen nicht zu verurteilen sondern zu unterstützen. Selbst wenn es ein Fehler ist, können wir danach daraus lernen.
Ich würde mich über eine Antwort von dir sehr freuen.
Herzliche Grüße,
Jakob
PS: Da ich den Brief jetzt relativ schnell geschrieben habe, kann es sein, dass ich beim späteren Redigieren des Briefes noch etwas ändere, dann werde ich das aber ersichtlich machen.
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